Die Naturfreunde Geislingen gibt es seit 1913. Wenige Jahre später bauten die Mitglieder mit eigenen Händen ihr Haus auf der Immenreute – und mussten es 1933 an die Nationalsozialisten abgeben, bevor sie es nach langem Streit zurückbekamen.
Die Ortsgruppe Geislingen
Junge, von der Naturfreunde-Idee begeisterte Menschen aus Göppingen luden über die Presse zur Gründungsversammlung am 16. Februar 1913 in Geislingen ein. Viele fortschrittlich Denkende kamen, und die Ortsgruppe war gegründet.
Die damalige Zeit der Wanderjahre der Handwerksgesellen und der im folgenden Jahr ausbrechende Erste Weltkrieg brachten es mit sich, dass wir nur noch von fünf Gründungsmitgliedern aus Geislingen wissen: Robert Münkle, Hugo Sebald, Jakob Bäumer, August Weber und Anna Herrlinger, geb. Münkle.
Von links: Jakob Bäumer, August Weber, Robert Münkle und Hugo Sebald – aufgenommen zum 40-jährigen Jubiläum der Naturfreunde Geislingen.
Zu Anfang wurden jeden Sonntag gemeinsame Wanderungen angeboten, jeden ersten Montag im Monat gab es eine Zusammenkunft im Gasthaus „Kreuz“.
Wanderung am 1. Juni 1913
Der Erste Weltkrieg unterbrach die positive Entwicklung des Vereins. Alle männlichen Mitglieder wurden zum Militär eingezogen. Die Frauen übernahmen während der Kriegszeit die Verantwortung im Verein.
Nach dem Krieg stieg die Zahl der Mitglieder kontinuierlich an. Sitzungslokal war jetzt der „Hirsch“. Das Programm wurde um kulturelle Themen erweitert: Es gab Lichtbildervorträge und interne Schulungen über aktuelle Fragen des kulturellen und sozialen Wanderns. Eine Jugendabteilung wurde gegründet, Volkstanz, Musikabteilung, Wintersportabteilung und Fotogruppe folgten. Ziel war es, zu wandern und zu musizieren, aber auch die Zusammenhänge der Natur, der Kunst und der menschlichen Gesellschaft zu ergründen.
Seminarabend am 19. November 1919 im „Hirsch“
Die Ortsgruppe wollte außerdem einen Beitrag zur völkerverbindenden Idee der Naturfreunde leisten. Lange oder gar mehrtägige Wanderungen waren aufgrund der finanziellen Lage der Mitglieder undenkbar. Deshalb sollten mit den Naturfreundehäusern bezahlbare Ferienheime geschaffen werden. Die Ortsgruppe griff diese Idee auf und setzte sie bald in die Tat um. Keine andere Bewegung hat in so kurzer Zeit ein Netz von bezahlbaren Ferienheimen geschaffen wie die Naturfreunde.
Das Naturfreundehaus Immenreute
Der Name kommt aus dem Altdeutschen und bedeutet „Bienenweide“. Anfangs gab es mehrere Ideen für ein eigenes Haus: den Kauf und Umbau der Oberen Roggenmühle im Roggental, einen Neubau auf dem Wasserberg, ein Haus auf der Schildwacht – oder den Bau im Gewann Immenreute.
Ein Grundstück gegen ein Fahrrad (1923)
Als Folge des Ersten Weltkriegs gab es 1923 eine Hyperinflation, das Geldvermögen der Ortsgruppe schwand. Es musste schnell etwas unternommen werden. Der Bauer und Anwalt Xaver Frey war ein aufgeschlossener und zugänglicher Mensch, und so wurden mit ihm Verhandlungen aufgenommen. Ein Kauf mit Bargeld war angesichts der Geldentwertung nicht ratsam, und Frey schlug einen Tauschhandel vor: Er gab einen Bauplatz in der Größe eines württembergischen Morgens im Gewann Immenreute – gegen ein neues Fahrrad mit Zubehör.
Der Tauschvertrag vom 16. September 1923
Das hört sich vorteilhaft an. Für den Kassierer Paul Herrlinger und den gesamten Verein war es aber nicht einfach, den Millionenbetrag zusammenzubekommen, den das Fahrrad kostete. Nur durch großen Gemeinschaftssinn war das zu schaffen. Der Tauschvertrag kam am 16. September 1923 zustande. Für eine Zufahrt musste von Bauer und Anwalt Georg Schmid aus Stötten ein weiteres Grundstück erworben werden; dieser Kaufvertrag wurde am 2. November 1924 geschlossen. Am 21. Februar 1925 wurden die Grundstücke beim Grundbuchamt in Donzdorf eingetragen.
Im Frühjahr 1925 begann die Vorbereitung des Bauplatzes mit der Errichtung einer Bauhütte. Im Winter 1925/26 schloss sich die Ortsgruppe mit den Naturfreunden Esslingen zusammen, um das Haus gemeinsam zu bauen.
Der Bau (1926)
Am 14. Februar 1926 erfolgte der erste Spatenstich. Bis auf die Zimmer- und Gipserarbeiten führten die Mitglieder alle Arbeiten selbst aus. Baumeister war Eugen Binder aus Geislingen.
Beim Bau des Hauses 1926
Am 27. Juni 1926 konnte Richtfest gefeiert werden. Bis zum Einbruch des Winters stand der Rohbau.
Richtfest am 27. Juni 1926
Die Hüttenweihe (1927)
Am 17. Juli 1927 wurde das Naturfreundehaus Immenreute eingeweiht. Die Feier hatte zwei Teile: Am Vorabend, dem 16. Juli, gab es eine Feierstunde im Geislinger Stadtpark mit der Musiksektion Geislingen-Esslingen und dem Freien Volkschor „Frohsinn Geislingen“. Den Abend ließ man im „Hirsch“ oder im Metallarbeiterheim, dem Geislinger Gewerkschaftshaus in der Burgstraße, ausklingen.
Am 17. Juli weckten um 5 Uhr die Pfeifer und Trommler des Arbeiter-Turn- und Sportvereins die Einwohner Geislingens. Anschließend zog ein Festzug mit 800 Teilnehmerinnen und Teilnehmern hinauf.
Festzug durch Geislingen
An der Einweihung auf der Immenreute nahmen 2000 bis 3000 Menschen teil. Die Einweihungsrede hielt der Präsident der Naturfreundebewegung, Nationalrat Karl Volkert aus Wien (Quelle: Protokollbuch der Ortsgruppe Geislingen).
Einweihung am 17. Juli 1927
Verbot und Enteignung (1933)
Der ehemalige Vorsitzende Friedrich Rössing hat den Tag festgehalten:
Der 26. März 1933, ein Sonntag. Ein schöner Frühlingstag. Das Naturfreundehaus Immenreute wies einen guten Besuch auf, auch ich war unter den Besuchern.
Zwischen 15.00 Uhr und 16.00 Uhr erscheint ein Landjäger aus Geislingen, verstärkt durch SA-Hilfspolizei, und überbringt mir die schriftliche Bestätigung des Verbotes und der gleichzeitigen Auflösung der Ortsgruppe mit der ebenfalls sofort wirksamen Beschlagnahmung des gesamten Vermögens einschließlich des Hauses Immenreute.
In Begleitung des Landjägers und eines Teils der SA-Hilfspolizei wanderte ich nach Geislingen in meine Wohnung und in das Lokal „Hirsch“, wo ich meine Vereinsakten sowie den Schlüssel zum Vereinskasten, der sich im Lokal befand, abgeben musste.
Im Vereinskasten befand sich eine umfangreiche Bibliothek, circa 100 bis 150 Bücher, ein Lichtbildapparat sowie verschiedene Ausrüstungsgegenstände (Eispickel, Kletterseile, Schneereifen, Schneebrillen und Ähnliches). Was später mit diesen Gegenständen geschah, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Dieses Vermögen wurde abtransportiert, solange ich an meinem Arbeitsplatz in der WMF tätig war.
[…]
Das Naturfreundehaus Immenreute diente in den Jahren von 1933 bis 1945 der Hitlerjugend als Ferien- und Schulungsheim. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches wurde das Haus vollständig ausgeplündert.
[…]
Der Kontakt mit der Organisation bzw. deren Mitgliedern in der Verbotszeit 1933 bis 1945 wurde vorwiegend von mir gehalten zu Genossen, die heute leider nicht mehr unter den Lebenden weilen. Stellvertretend für viele andere seien hier nur erwähnt: Karl Grözinger, Stuttgart-Münster; Fritz Götz, Stuttgart-Feuerbach; August Weinstock, Heilbronn, und Karl Maier, Schwäbisch Gmünd. Hinzu kommen noch lose Kontakte zu den Ortsgruppen Aalen, Heidenheim und Ulm.
[…]
Viele sogenannte Volksgenossen suchten in der Mitgliedschaft bei uns eine Tarnung ihrer nazistischen Vergangenheit. Als sich die Verhältnisse normalisierten, trat man aus der Naturfreundebewegung wieder aus.
Zitiert nach einem von Friedrich Rössing verfassten Bericht
Der lange Weg zurück (1945–1951)
Das Haus nach 1945 zurückzubekommen, wurde ein mühseliger Instanzenweg: endlose Eingaben, Beweisführungen und persönliche Besuche bei den Behörden. Am 1. Mai 1947 wurde endlich ein Treuhänder für das Haus bestellt. Weiter ging es mit dem Streit um Wiedergutmachung – wieder Eingaben, Beweisführung und Besuche bei der Militärregierung, im Landratsamt, bei der Wiedergutmachungsbehörde und beim Justizministerium in Stuttgart. Am 20. November 1950 wurde vor dem Schlichter für Wiedergutmachung im Justizgebäude in Ulm ein Vergleich geschlossen: Der Wertzuwachs durch den Anschluss an Strom- und Wassernetz wurde gegen die Kosten des Nutzungsausfalls aufgerechnet. Am 30. Mai 1951 erhielten die Naturfreunde mit dem Eintrag beim Grundbuchamt in Donzdorf ihr Eigentum auch förmlich zurück.
Die Gaststube auf einer historischen Aufnahme
Das Werk von Generationen
Die Immenreute wurde von den Mitgliedern, unseren Urgroßmüttern und Urgroßvätern, selbst finanziert und gebaut. Sie haben sie an die Nazis verloren und dafür gestritten, sie zurückzubekommen. Die „Imme“ wurde von Generationen von Mitgliedern bewirtschaftet, immer wieder umgebaut, verschönert, modernisiert und instand gehalten. Sie ist das Werk von Menschen, die sich mit Überzeugung und mit Entbehrungen für das Haus und die Naturfreundebewegung engagiert haben. Und bestimmt gab es auch damals in der Vereinsarbeit nicht nur harmonische Stunden. Dennoch haben unsere Genossinnen und Genossen das große gemeinsame Ziel nicht aus den Augen verloren:
„Ein Heim zu sein für die Wanderer, ein Hort des Friedens und der Freude und eine Bildungsstätte für die Jugend.“
Aus der Broschüre zum 40-jährigen Jubiläum der Naturfreunde Geislingen, 1953
Für die heutige Generation ist es deshalb Verpflichtung, dieses Erbe fortzuführen.
Die Immenreute heute























