Großes Interesse am Windenergie-Forschungstestfeld: Naturfreunde Geislingen und ZSW führten 31 Gäste über WINSENT-Gelände

Donzdorf/Stötten. Nachdem am 31. Juli bereits 17 Teilnehmer*innen die Führung über das Windenergie-Forschungstestfeld WINSENT bei Stötten wahrgenommen hatten, stieß der zweite Termin am 4. September auf so große Resonanz, dass die maximale Teilnehmerzahl kurzfristig erhöht wurde, um allen Anmeldungen gerecht zu werden. Am Ende nahmen 31 Interessierte an der rund 1,5-stündigen Führung teil.

Gerhard Wick, Vorsitzender der Naturfreunde Geislingen, begrüßte die Teilnehmer*innen und gab einen kurzen Einblick in die Geschichte des Vereins sowie des Naturfreundehauses Immenreute. Anschließend übernahm Andreas Rettenmeier, Forschungsleiter des Forschungstestfelds WINSENT, und erläuterte fachkundig Geschichte und Ziele des Projekts. Mit Anekdoten zu den Schwierigkeiten im Vorfeld der Baugenehmigung – etwa einer Klage einer bundesweit agierenden  „Naturschutzinitiative e.V.“ aus dem Westerwald gegen die erteilte BImSchG-Genehmigung, die das Projekt verzögerte und schließlich gerichtlich geklärt werden musste – sorgte er für kurzweilige Einblicke hinter die Kulissen. Nicht nachvollziehbar sei die Klage auch aus dem Grund, so Rettenmeier, dass das Bundesamt für Naturschutz bereits Projekte mit Bezügen zur Naturschutzforschung am entstehenden Testfeld förderte.  

Vielfältige Forschung in komplexem Gelände

Auf dem Testfeld wird eine Vielzahl von Faktoren untersucht: die Akzeptanz von Windenergieanlagen, ihre Effizienz sowie die Belastung für die Natur, insbesondere für Vögel und Fledermäuse. Auch Schallwellen und Erschütterungen werden mittels geophysikalischer Messungen erfasst. Diese Daten sind nicht nur für die Akzeptanz bei Anwohnern relevant, sondern auch für Großprojekte wie das geplante „Einstein-Teleskop“. Interessant dabei: Messungen im Tal zeigten zwar deutlich messbare Erschütterungen durch verspätete Züge im Filstal und Staus auf der B10, nicht jedoch durch die beiden Windenergieanlagen des Testfelds oder der Windenergieanlagen des Tegelbergs selbst.

Vogelforscher verschiedener Institute untersuchen am Testfeld unter anderem den Vogelzug sowie das Verhalten von Rotmilan und Wanderfalke. Getestet werden zudem KI-gestützte Antikollisionssysteme als Alternative zu kompletten Abschaltungen der Windräder. Bei den Fledermäusen wird erforscht, welche Arten in welcher Höhe welche Insekten jagen und wie Wetter und Temperatur ihr Verhalten beeinflussen – mit dem Ziel herauszufinden, wann eine vollständige Abschaltung der Anlagen notwendig ist und wann eine reine Drosselung der Rotorgeschwindigkeit zum Schutz der Tiere ausreicht.

Auch die Arbeitssicherheit der Techniker spielt eine wichtige Rolle: Vor Ort werden Veränderungen der elektrischen Felder gemessen, um Techniker, die an den Masten arbeiten, rechtzeitig vor aufziehenden Gewittern warnen zu können. Rettenmeier präsentierte zudem die Sicherheitsausrüstung, die zum Besteigen der  Stahlrohrtürme erforderlich ist.

Blick ins Turminnere

Bei der anschließenden Besichtigung vor Ort erhielten die Teilnehmer*innen auch Einblick ins Innere eines Turms. Rettenmeier nannte einige technische Details: Die Nabenhöhe beträgt 73 Meter, das Fundament ist 2,5 Meter tief im Fels verankert, und im Notfall lassen sich die Rotoren innerhalb weniger Sekunden abschalten. Auf die Frage aus der Gruppe, wie lange ein Techniker benötige, um einen der 100 Meter hohen Messmasten zu besteigen, antwortete Rettenmeier: Geübte Kräfte schafften dies in etwa 10 Minuten.

Ein besonderes Beispiel für die enge Zusammenarbeit zwischen den Naturfreunden und dem ZSW: Eine alte, stillgelegte Wasserleitung des Naturfreundehauses Immenreute diente einst als Leerrohr für die erste Stromversorgung des Testfelds. Zum Abschluss der Führung schickte die gesamte Gruppe noch einen ungewöhnlichen Gruß an das Geophysikalische Institut des KIT Karlsruhe – indem alle gemeinsam auf der Stelle hüpften, um ein Signal für die dortigen Messgeräte zu erzeugen.

Im Anschluss saß man noch gemütlich auf der Terrasse des Naturfreundehauses Immenreute zusammen, konnte weitere Fragen an Andreas Rettenmeier stellen und dabei selbstgebackenen Kuchen, Kaffee und Kaltgetränke genießen.