100 Jahre Naturfreunde Geislingen

Unser Fotobuch "100 Jahre Naturfreunde Ortsgruppe Geislingen" ist leider vergriffen. Ein Ansichtsexemplar liegt auf der Immenreute aus.

Wanderung im Juni 1913

Chronologie:

16. Februar 1913 Gründungsversammlung

Bekannte Gründungsmitglieder: Robert Münkle, Jakob Bäumer, Hugo Sebald, August Weber, Anna Herrlinger geb. Münkle. (Die anderen Namen der Gründungsmitglieder gingen während dem Ersten Weltkrieg und aufgrund der Wanderschaft der Handwerksmitglieder verloren)

16. August 1923 Kauf des Grundstückes für die Immenreute

1925/1926 Zusammenschluss der Ortsgruppe Geislingen mit der Ortsgruppe Esslingen zum gemeinsamen Hausbau.

(Mit den Naturfreunden Esslingen kam auch Gerhard Bauer in den 50er Jahren nach Geislingen und lernte bei den Naturfreunden Geislingen seine Johanna kennen. Gerhard arbeitete dann bei der WMF und war dort lange Jahre im Betriebsrat)

14. Februar 1926: Erster Spatenstich für das Naturfreundehaus

27. Juni 1926: Richtfest

17. Juli 1927: Einweihung des Naturfreundehauses Immenreute

26. März 1933: Enteignung des Naturfreundehauses und Verbot der Naturfreunde durch die Nazis

30. Mai 1951: Wiedereintragung des Naturfreundehauses auf die Ortsgruppe Geislingen im Grundbuchamt Donzdorf.

1971: Trennung der beiden Ortsgruppen Geislingen und Esslingen. Die Ortsgruppe Geislingen wird alleiniger Besitzer des Naturfreundehauses.



Wanderung August 1913


Die Geschichte der Naturfreunde Ortsgruppe Geislingen

Junge, von der Naturfreunde-Idee begeisterte Menschen aus Göppingen luden über die Presse zur Gründungsversammlung am 16. Februar 1913 in Geislingen ein. Viele fortschrittlich Denkende kamen und die Ortsgruppe war gegründet. Die damalige Zeit der Wanderjahre der Handwerksgesellen und der im folgenden Jahr ausbrechende Ersten Weltkrieg brachten es mit sich, dass wir nur noch von 5 Gründungsmitgliedern aus Geislingen wissen:

Robert Münkle

Hugo Sebald

Jakob Bäumler

August Weber

Anna Herrlinger, geb. Münkle.

Zu Anfang wurden jeden Sonntag gemeinsame Wanderungen angeboten, jeden 1. Montag im Monat gab es eine Zusammenkunft im Gasthaus „Kreuz“. Der Ersten Weltkrieg unterbrach die positive Entwicklung des Vereins. Alle männlichen Mitglieder wurden zum Militär eingezogen.Die Frauen übernahmen während der Kriegszeit die Verantwortung im Verein. Nach dem Ersten Weltkrieg stieg die Zahl der Mitglieder wieder kontinuierlich an.  Sitzungslokal war jetzt der „Hirsch“. Das Programm wurde um kulturelle Themen erweitert. Es gab Lichtbildervorträge, interne Schulungen über Fragen des kulturellen und sozialen Wanderns. Eine Jugendabteilung wurde gegründet. Volkstanz, Musikabteilung, Wintersportabteilung und Fotogruppe folgten. Ziel war es zu wandern und zu musizieren, aber auch die Zusammenhänge der Natur, der Kunst und der menschlichen Gesellschaft zu ergründen. Die Ortsgruppe wollte außerdem einen Beitrag zur völkerverbindenden Idee der Naturfreunde leisten.

Bildungsabend November 1919

Lange Wanderungen, oder gar mehrtägige Wanderungen waren aufgrund der finanziellen Situation der Mitglieder undenkbar. Deswegen sollten mit den Naturfreundehäusern geeignete Ferienheime geschaffen werden. Die Ortsgruppe griff diese Idee auf und setzte sie bald in die Tat um. Keine andere Bewegung hat in so kurzer Zeit ein Netz von bezahlbaren Ferienheimen geschaffen wie die Naturfreunde.

Mit der Machtübergabe an die Nazis wurde die Arbeit der Naturfreunde erneut brutal unterbrochen. Der Verein wurde 1933 verboten, das Vermögen und die Häuser gestohlen.

Die Freundschaften die bei den Naturfreunden entstanden überdauerten den Faschismus. So konnte die Vereinsarbeit wieder relativ schnell aufgenommen werden. Am 11. Januar 1946 genehmigte die amerikanische Militärregierung die Neugründung des Vereins. Am 16. Januar 1946 erfolgte die zweite Gründungsversammlung der Ortsgruppe. Mit Nichts wurde die Vereinsarbeit wieder aufgenommen. Zu den alten Abteilungen, die wieder aktiviert wurden, kam noch eine Kindergruppe hinzu.

Die Obleute und Vorsitzenden

In 100 Jahren (1913 – 1953) gab es gerade mal 7 Männer und Frauen die mit der Leitung der Ortsgruppe beauftragt wurden. Der erste Obmann der Ortsgruppe vom 16. Februar 1913 bis 03. Februar 1919 war Georg Banzhaf. Ihm folgte das Gründungsmitglied Jakob Bäumer unter dessen Leitung die Vorarbeiten zum Erwerb des Grundstücks für die Immenreute erfolgten. Ab dem 12. April 1924 übernahm Friedrich Rössing die Leitung der Ortsgruppe, der sie auch nach der Neugründung 1946 weiterführte. Nach Friedrich Rössing übernahm Walter Keck ca. Mitte der 60er Jahre die Leitung der Ortsgruppe.

In den 1970er Jahren wurde Ernst Knapp 1. Vorsitzender, ihm folgten Andrea Keller und Gerhard Wick.


Entstehung und Geschichte des Naturfreundehauses „Immenreute“ (altdeutsch,  „Bienenweide“)

Anfangs gab es mehrere Ideen und Vorschläge für ein eigenes Haus.

1.       Kauf und Umbau der Oberen Roggenmühle im Roggental.

2.       Bau eines Hauses auf dem Wasserberg.

3.       Erstellung eines Hauses auf der Schildwacht.

4.       Bau eines Hauses im Gewand Immenreute.

Als Folge des Ersten Weltkrieges gab es 1923 eine Hyperinflation. Das Geldvermögen der Ortsgruppe schwand durch die Geldentwertung. Es musste schnell etwas unternommen werden. Der Bauer und Anwalt Xaver Frey war ein aufgeschlossener und zugänglicher Mensch und so wurden mit ihm Verhandlungen aufgenommen. Ein Kaufabschluss mit Bargeld war angesichts der Geldentwertung nicht ratsam und Frey schlug einen Tauschhandel vor. Es wurde vertraglich vereinbart, dass der Grundstückbesitzer im Gewand Immenreute einen Bauplatz in Größe eines württembergischen Morgens gegen ein neues Fahrrad mit Zubehör tauscht. Das hört sich vorteilhaft an. Für den Kassierer Paul Herrlinger und den gesamten Verein war es aber nicht einfach den Millionenbetrag zusammenzubekommen, den das Fahrrad kostete. Nur durch großen Gemeinschaftssinn war das zu schaffen. Der Tauschvertrag kam am 16. September 1923 zustande. Um eine Zufahrt zum Gelände zu erhalten war es notwendig von Bauer und Anwalt Georg Schmid aus Stötten ein weiteres Grundstück zu erwerben. Dieser Kaufvertrag konnte am 2. November 1924 abgeschlossen werden. Am 21. Februar 1925 wurden die Grundstücke im Grundbuchamt in Donzdorf eingetragen.


 


Im Frühjahr 1925 wurde der Bau mit der Vorbereitung des Bauplatzes und der Errichtung einer Bauhütte begonnen. Im Winter 1925/26 erfolgte der Zusammenschluss mit der OG Esslingen zum Zweck des gemeinsamen Hausbaus.

Am 14. Februar 1926 erfolgte der erste Spatenstich und bereits am 27. Juni 1926 konnte Richtfest gefeiert werden.


Bis zum Einbruch des Winters konnte der Rohbau fertiggestellt werden. Bis auf die Zimmerarbeiten und die Gipserarbeiten wurden alle Arbeiten beim Hausbau von den Mitgliedern selber ausgeführt. Am 17. Juli 1927 konnte das Naturfreundehaus Immenreute eingeweiht werden.

Die Freude über das eigene Haus währte nur kurz. Die Immenreute wurde am 26. März 1933 von SA – Leuten besetzt und enteignet. Die Immenreute wurde ein Schulungsheim für die SA-Jugend.



Das Haus nach 1945 wieder zurückzubekommen gestaltete sich als mühseliger Instanzenweg. Endlose Eingaben, Beweisführungen und persönliche Besuche bei den Behörden. Am 1. Mai 1947 wurde dann endlich ein Treuhänder für das Haus bestellt. Weiter ging es mit dem Streit um Wiedergutmachung. Wieder Eingaben, Beweisführung und Besuche bei der Militärregierung, im Landratsamt, bei der Wiedergutmachungsbehörde und beim Justizministerium in Stuttgart. Am 20. November 1950 wurde dann vor dem Schlichter für Wiedergutmachung im Justizgebäude in Ulm ein Vergleich geschlossen.

Der Wertzuwachs durch den Anschluss an das Strom- und Wassernetz wurde gegen die Kosten des Nutzungsausfalls aufgehoben. Am 30. Mai 1951 erhielten die Naturfreunde mit dem Eintrag im Grundbuchamt in Donzdorf ihr Eigentum auch förmlich zurück.

Die Immenreute wurde von den Mitgliedern, unserer Urgroßmüttern und Urgroßvätern, selber finanziert und gebaut. Sie haben sie an die Nazis verloren und dafür gestritten sie wieder zurückzubekommen. Die „Imme“ wurde von Generationen von Mitgliedern bewirtschaftet, immer wieder umgebaut, verschönert, modernisiert, in Stand gehalten. Sie ist das Werk von Generationen von Mitgliedern, die sich mit Überzeugung und mit Entbehrungen für das Haus und die Naturfreundebewegung engagiert haben. Und bestimmt gab es auch damals in der Vereinsarbeit nicht nur harmonische Stunden. Dennoch haben unsere Genossinnen und Genossen nicht aufgegeben das große gemeinsame Ziel im Auge zu behalten. Für die heutige Mitgliedergeneration ist es daher eine Verpflichtung dieses Erbe weiterzuführen.